19. KAPITEL
DAS GROSSE EXPERIMENT
Hätte es noch eines Beweises bedurft, wie absolut wir alle die spirituelle Existenz der ägyptischen Königin als Tatsache hinnahmen, so hätte man diesen Beweis in der Veränderung sehen können, die wir alle in wenigen Minuten durchmachten, nachdem Tera, wie wir alle glaubten, durch Margarets Mund, freiwillig auf ihren Schutzgeist verzichtet hatte.
Trotz des Herannahens des Experimentes, dessen Sinn und Zweck uns ständig vor Augen stand, machte sich in unseren Mienen große Erleichterung bemerkbar. Jene schrecklichen Tage, als Mr. Trelawny in Trance gelegen hatte, waren unvergessen. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann nicht ermessen, was es heißt, in ständiger Angst vor einer unbekannten Gefahr zu leben, die jederzeit und in jeglicher Gestalt auftreten kann.
Dieser Veränderung machte sich auf verschiedene Weise bemerkbar, gemäß der Natur eines jeden. Margaret war betrübt. Dr. Winchester war hochgestimmt und aufmerksam. Das logische Denken, das bei ihm als Gegenmittel gegen die Angst gewirkt hatte, und nun dieser Pflicht ledig war, erhöhte nun seine intellektuelle Begeisterung. Mr. Corbeck schien den Blick eher in die Vergangenheit zu richten, als sich Spekulationen hinzugeben. Ich selbst fühlte mich unbeschwert. Meine Angst um Margaret war der Erleichterung gewichen.
Mr. Trelawny war derjenige, dem eine Veränderung am wenigsten anzumerken war. Das mochte nur natürlich sein, da er ja das, was wir heute vorhatten, jahrelang angestrebt hatte, so daß ihm jedes damit verbundene Ereignis nur als Episode, als ein zum Ziel führender Schritt erschien. Er gehörte zu jenen Führernaturen, die stets nur das Ziel vor Augen haben und alles andere als nebensächlich ansehen. Auch jetzt wankte und schwankte er keinen Augenblick, obgleich seine schreckliche Starre sich ein wenig gelockert hatte. Er bat uns Männer mit ihm zu gehen. Wir folgten ihm in die Halle und schafften einen Eichentisch in die Höhle, einen Tisch von ziemlicher Länge und mäßiger Breite. Diesen stellten wir unter die in der Mitte der Höhle angebrachten elektrischen Leuchten.
Margaret sah zunächst zu. Plötzlich aber erbleichte sie und fragte erregt:
»Vater, was hast du vor?«
»Ich will die Katzenmumie auswickeln! Königin Tera braucht ihren Schutzgeist heute nicht mehr. Sollte sie nach ihm verlangen, könnte es für uns gefährlich werden. Deswegen müssen wir uns absichern. Du hast doch keine Angst, Liebes?«
»O nein!« kam ihre hastige Antwort. »Aber ich mußte an meinen Silvio denken und daran, was ich wohl empfinden würde, wäre er die Mumie, die nun enthüllt werden soll!«
Mr. Trelawny legte Messer und Scheren bereit und hob die Katze auf den Tisch. Es war ein wahrhaft grausames Beginnen unserer Arbeit. Und mein Herz sank bei dem Gedanken daran, was sich um die Mitte der Nacht in dem einsamen Haus abspielen mochte. Das Gefühl der Verlassenheit und des Abgeschiedenseins von der übrigen Welt wurde nun durch das Heulen des Windes verstärkt, der sich bedrohlich erhoben hatte, und durch den Anschlag der Wellen auf die Felsen unter uns. Doch war die vor uns liegende Aufgabe zu ernst, als daß wir uns durch äußere Umstände hätten irremachen lassen. Das Aufwickeln der Mumie begann.
Die Vielzahl der Bandagen war unglaublich. Und das Geräusch des Abreißens – denn sie klebten durch das Gemisch aus Erdpech, Harz und Gewürzkräutern fest aneinander – samt dem roten, beißenden Staubwölkchen, das sich erhob, drückte auf unsere Stimmung. Als auch die letzte Hülle entfernt war, sahen wir das Tier vor uns sitzen. Es hockte zusammengekauert da, Haare, Zähne und Krallen waren unversehrt. Die Augen waren geschlossen, doch die Lider wirkten nicht so wild, wie ich erwartet hatte. Die langen Schnurrbarthaare waren von den Bandagen seitlich an den Kopf angedrückt worden, doch als nun der Druck entfernt worden war, stellten sie sich auf, als wäre das Tier lebendig. Es war ein prächtiges Geschöpf, eine Tigerkatze von ungewöhnlicher Größe. Unsere Bewunderung wich jedoch der Angst, als wir nach dem ersten Blick feststellen mußten, daß sich unsere Befürchtungen leider bewahrheitet hatten.
Maul und Krallen wiesen getrocknete Blutspuren auf, die noch nicht alt sein konnten!
Doktor Winchester erholte sich als erster von dem Schrecken.
Blut war an sich für ihn nichts Furchteinflößendes. Er hatte seine Lupe hervorgeholt und untersuchte nun die Flecken am Katzenmaul. Mr. Trelawny atmetet hörbar auf, als sei ein großer Druck von ihm gewichen.
»Wie erwartet«, erklärte er. »Ein vielversprechender Beginn.«
Dr. Winchester war nun bei der Untersuchung der rotgefleckten Pfoten angelangt.
»Dachte ich mir’s doch!« rief er aus. »Er hat sieben Krallen!« Er holte seine Brieftasche hervor und entnahm ihr das von Silvios Krallen zerrissene Stück Löschpapier, auf dem auch ein Diagramm der Risse an Mr. Trelawnys Hand gezeichnet war. Dieses Stück Papier schob er unter die Pfote der Katzenmumie. Die Kratzspuren paßten genau zur Krallenanordnung.
Nachdem wir die Katze genau untersucht hatten, jedoch bis auf den guten Erhaltungszustand nichts Außergewöhnliches entdecken konnten, hob Mr. Trelawny sie vom Tisch. Margaret stürzte mit dem Ausruf auf ihn zu:
»Gib acht, Vater! Gib acht! Er könnte dich verletzen!«
»Jetzt nicht mehr, meine Liebe!« sagte er, auf die Treppe zuhaltend. Sie machte ein erstauntes Gesicht. »Wohin gehst du?« fragte sie matt.
»In die Küche. Das Feuer wird sämtliche Gefahr für alle Zukunft bannen. Nicht einmal ein Astralleib kann sich aus Asche wieder materialisieren!«
Er bedeutete uns, wir sollten ihm folgen. Margaret wandte sich schluchzend ab. Ich wollte zu ihr, doch sie winkte ab und flüsterte:
»Nein, nein! Geh mit den anderen. Vater wird dich vielleicht brauchen. Oh, es ist wie ein Mord! Die Katze der armen Königin…!«
Die Tränen quollen zwischen den Fingern hervor, mit denen sie die Augen bedeckte.
In der Küche war das Brennholz bereits fertig aufgeschichtet. Mr. Trelawny hielt nur ein Streichholz daran, und in wenigen Minuten hatte das Unterzündholz Feuer gefangen. Und als die Flammen richtig loderten, warf er den Katzenkörper hinein. Sekundenlang lag er als dunkle Masse inmitten der Flammen, und im Raum verbreitete sich der Geruch nach verbranntem Haar. Und dann fingauch der ausgetrocknete Körper Feuer. Die beim Einbalsamieren verwendeten brennbaren Substanzen verwandelten sich in Brennstoff, und die Flammen röhrten auf. Einige Augenblicke des heftigen Brennens, und dann konnten wir frei atmen. Königin Teras Schutzgeist war nicht mehr!
In die Höhle zurückgekehrt fanden wir Margaret im Dunkeln sitzend vor. Sie hatte das elektrische Licht abgeschaltet, und nun drang nur mehr ein schwacher Schimmer Abendlicht durch die schmalen Öffnungen im Fels. Ihr Vater ging zu ihr und legte schützend den Arm um sie. Sie legte den Kopf an seine Schulter und schien getröstet. Plötzlich rief sie mir zu:
»Malcolm, mach Licht!« Ich folgte ihrer Aufforderungen. Jetzt konnte ich sehen, daß ihre Augen trocken waren. Auch ihr Vater sah es und freute sich darüber. In ernstem Ton sagte er zu uns:
»Jetzt machen wir uns für unser großes Werk bereit. Wir dürfen nicht alles bis zur letzten Sekunde warten lassen!«
Margaret mußte wohl geahnt haben, was nun kommen würde, denn sie fragte in ängstlichem Ton:
»Was hast du vor?«
Auch Mr. Trelawny ahnte wohl, was in ihr vorging. Leise antwortet er:
»Wir werden jetzt die Mumie der Königin Tera auswickeln!«
Daraufhin rückte sie ganz nahe an ihn heran und bat flehentlich:
»Vater, du darfst sie nicht entblößen! Vor all den Männern! Und bei dieser hellen Beleuchtung!«
»Aber warum denn nicht, mein Liebes?«
»Aber Vater, überleg doch, eine Frau! Ganz allein! Auf diese Weise und an einem solchen Ort! Oh, wie ist das grausam, so grausam!«
Sie war sichtlich erschüttert. Ihre Wangen waren flammend rot, in ihren Augen standen Tränen der Empörung. Ihr Vater sah ihr an, wie verzweifelt sie war, und wollte sie trösten. Ich stand im Begriff, mich davonzustehlen, als er mir bedeutete, ich sollte bleiben. Ich nahm an, daß er – typisch Mann – in einer solchen Situation nach Beistand Ausschau hielt und jemand anderem die Aufgabe aufhalsen wollte, eine empörte und verzweifelte Frau zu trösten. Zuerst appellierte er allerdings an ihre Vernunft:
»Sie ist keine Frau, sie ist eine Mumie! Sie ist seit fünftausend Jahren tot!«
»Was macht das schon aus? Das Geschlecht ist nicht an Jahre geknüpft! Eine Frau bleibt eine Frau, und wenn sie seit fünftausend Jahren tot ist! Und du erwartest nun, daß sie aus ihrem langen Schlaf erwacht! Wenn sie wirklich auferstehen soll, dann kann es nicht der wirkliche Tod sein! Du hast mich glauben lassen, daß sie zum Leben erwacht, sobald dieser Behälter geöffnet wird!«
»Das habe ich, mein Kind! Und ich glaube daran! Wenn es aber nicht der Tod war, der sie in all diesen Jahren umfangen hielt, dann war es etwas, das ihm ungemein ähnlich ist. Überleg doch: es waren Männer, die sie einbalsamierten. Damals, im alten Ägypten kümmerte sich keiner um die Gefühle der Frau, und Ärztinnen gab es nicht! Und außerdem«, fuhr er ungezwungener fort, als er merkte, daß ihr seine Argumente einleuchteten, wenn sie sich auch noch nicht geschlagen gab, »sind wir Männer an ähnliches gewöhnt. Ich habe mit Corbeck gemeinsam Hunderte Mumien ausgewickelt. Unter ihnen etwa ebensoviel Frau wie Männer. Dr. Winchester hat durch seinen Beruf mit Frauen ebenso zu tun wie mit Männern, so daß es ihm zur Gewohnheit wurde, und er sich nichts dabei denkt. Sogar Ross hat als Anwalt beruflich….« Da hielt er inne.
»Du wolltest mitmachen!« sagte sie und sah mich entrüstet an. Ich sagte nichts darauf. In diesem Fall war Schweigen Gold. Mr. Trelawny aber fuhr eilends fort. Ich merkte ihm an, daß er froh war über die Unterbrechung, denn sein Argument betreffend den Anwaltsberuf war ein sehr schwaches.
»Mein Kind, du wirst selbst dabeisein. Glaubst du, wir würden etwas tun, was dich beleidigen könnte? Komm schon, nimm Vernunft an! Das hier ist kein vergnügter Ausflug. Wir sind ernste Menschen, die sich voller Ernst an ein Experiment wagen, das uns die Weisheit der Urväter enthüllen und das Wissen der Menschen unendlich erweitern könnte. Der menschliche Verstand wird in der Forschung ganz neue Wege beschreiten können. Dieses Experiment kann für uns alle den Tod bedeuten! Aus dem bisher Vorgefallenen wissen wir, daß gewaltige, unbekannte Gefahren vor uns liegen können, deren Ende vielleicht keiner von uns erleben wird. Mein Kind, du kannst versichert sein, daß wir nicht leichtfertig handeln, sondern mit dem Ernst verantwortungsbewußter Menschen! Abgesehen von deinen oder den Gefühlen anderer, kann ich dir sagen, daß es für den Erfolg des Experiments unbedingt erforderlich ist, sie zu entblößen. Die Hüllen müssen entfernt werden, ehe sie sich von einem geisterfüllten Leichnam mit einem zusätzlichen Astralleib wieder in ein lebendiges Menschenwesen verwandelt. Würde man ihre Absicht verwirklichen und sie würde innerhalb ihrer Umhüllung zum neuen Leben erwachen, dann hieße das den Sarg mit dem Grab tauschen! Sie würde den Tod der lebendig Begrabenen sterben! Nun aber, da sie zeitweilig freiwillig auf ihre Astralkraft verzichtet, bestehen für mich keine Zweifel mehr.«
Margarets Miene erhellte sich. »Also gut Vater«, sagte sie, und gab ihm einen Kuß. »Dennoch erscheint es mir als schreckliche Entwürdigung einer Königin und einer Frau.«
Ich wollte zur Treppe, als sie mir zurief:
»Wohin gehst du!«
Kehrtmachend faßte ich nach ihrer Hand, um sie zu streicheln und ihr zu sagen:
»Wenn das Auswickeln vorbei ist, komme ich wieder!«
Sie schenkte mir einen langen Blick, der von einem schwachen Lächeln begleitet wurde, als sie sagte:
»Vielleicht solltest du lieber bleiben! Es könnte für deinen Beruf als Anwalt wichtig sein.«
Nun lächelte sie unverhohlen, wurde aber sofort wieder ernst und bleich. Mit entrückter Stimme sagte sie:
»Vater hat recht! Es ist ein schrecklicher Anlaß, wir müssen also ernst bleiben. Trotzdem – nein, gerade deswegen ist es besser, wenn du bleibst, Malcolm. Später einmal wirst du vielleicht froh sein, daß du heute nacht dabei warst!«
Bei ihren Worten sank mir das Herz, doch hielt ich es für besser, darauf nichts zu sagen. Die Angst hatte sich schon unverschämt genug unter uns eingenistet!
Inzwischen hatte Mr. Trelawny unter Mithilfe von Mr. Corbeck und Dr. Winchester den Deckel des Eisenstein-Sarkophags gehoben, in dem die Mumie der Königin lag. Es war eine große Mumie, gottlob aber nicht zu groß. Sie war nicht nur lang, sondern auch ziemlich breit und hoch. Ihr Gewicht war so, daß wir zu viert Mühe hatten sie herauszuheben. Unter Mr. Trelawnys Anleitung legten wir sie auf den dafür vorbereiteten Tisch.